Ute Latendorf - Dichterin, Schriftstellerin und Fotografin
Ute Latendorf - Dichterin, Schriftstellerin und Fotografin

1. Ich hab schon lange kein Gedicht geschrieben (1992)

Ich hab schon lange kein Gedicht geschrieben,

mir sind die Worte einfach weg geblieben.

Ich sah wohl manchmal ein Gedicht vorüber schweben

und brauchte nur die Hand danach zu heben

und es zu halten und schnell zu Papier zu bringen,

um später es den Freunden einmal vorzusingen.

Doch wenn so ein Gedicht vorbei geflogen,

hab ich die Betten gerade neu bezogen,

hab ich gekocht und Wäsche schnell gebügelt

und meinen Kindern ihre Haare fein gestriegelt,

hab vorgelesen und erzählt und in den Arm genommen.

So ist mir das Gedicht dann abhanden gekommen.

 

Was mich da streifte, war so wunderbar

und leuchtete wie eine Blume, wie ein Stern so klar.

So ein Gedicht muss man gleich niederschreiben,

das kommt vom Himmel und will bei den Menschen bleiben.

Doch leider waren meine Hände grad nicht frei,

statt eines Stiftes hielt ich buntes Kinderallerlei,

und "Mama" schrien die Kinder in mein Ohr,

sie sahen das Gedicht nicht, stellten sich davor,

bis auch ich selbst nichts sah als blanke Kinderaugen,

die alle Aufmerksamkeit aus der Mutter saugen.

Und schon war das Gedicht verweht, vergessen,

und dabei hatte ich es fast besessen.

Nun ist es fort und kommt zu mir nicht wieder.

Vielleicht lässt es sich ja bei einem anderen Menschen nieder.

 

Ich habe heute dies Gedicht geschrieben,

denn seit zwei Stunden schlafen meine Lieben.

Ich saß allein in stillem Raum,

da streifte es mich wie ein Traum.

Ich griff zum Stift und holte mir Papier.

Und dies Gedicht, das bleibt bei mir.

 

2. Ich mag keine Gedichte mehr schreiben (1995)

Was reimt sich auf Altersflecken?

Im Sommer stechen die Zecken.

Was reimt sich auf Midlife-Krise?

Wir leben nicht im Paradiese.

 

Was reimt sich auf schwerhörig werden?

Ja, zähl sie nur auf, die Beschwerden.

Was reimt sich auf Polyarthrose?

Bestimmt die Halswirbelskoliose.

 

Was reimt sich auf Zyste und Überbein?

Wer wird denn deswegen gleich unglücklich sein?

Was reimt sich auf Altersweitsichtigkeit?

Du hast keinen Anspruch auf Unversehrtheit.

 

Was reimt sich auf Gebärmuttersenkung?

Die Kinder sind keine Schenkung.

Was reimt sich auf Lendenwirbelsyndrom?

Wenn du nicht schlafen kannst, nimm etwas Brom.

 

Was reimt sich auf Mund- und Augenfalten`?

Du kannst dir ein fröhliches Herz erhalten.

Was reimt sich auf Abschiednehmen?

Du solltest dich wirklich was schämen!

 

Such dir ein Reimwort für dankbar sein,

du lebst, hast Freunde, bist nicht allein.

Leben ist Aufbruch, Bewegung und Wandel,

ist süß und salzig und bitter wie Mandel

 

Es gibt und es nimmt und lässt dich verzagen

und trägt sich nicht leichter durch wütende Klagen.

Nimm es hin, wie es kommt, und lächle dazu,

dann findest du Frieden und innere Ruh.

 

3. Als ich anfing, Gedichte zu schreiben (2001)

Als ich anfing, Gedichte zu schreiben,

da schrieb ich auf Löschblattpapier,

so blieb von den Unterrichtsstunden

nicht sehr viel hängen bei mir.

 

Ich schrieb mit Bleistift und Füller

auf Zettel, in Hefte hinein,

und nachts mussten neben dem Bette

Papier und ein Schreibgerät sein.

 

Ich schrieb am Abend, am Morgen,

bei Lampe und Kerzenschein.

Nur eines war immer dasselbe:

Ich war einsam. Das musste so sein.

 

4. Gedichte (2004)

Gedichte waren mein tägliches Brot, 

heilende Nahrung in Verzweiflung und Not.

Hesse und Rilke, Kästner und so,

die litten ja auch und waren nicht froh.

Auch sie standen abseits vom lustigen Leben

und haben ihrer Einsamkeit Ausdruck gegeben.

Ohne die Dichter hätt ich nicht überlebt

und niemals nach eigener Dichtkunst gestrebt.

Ich bin noch da, wenn auch nicht genesen

und werde Gedichte schreiben und lesen.

 

5. Wo ist mein Tag geblieben? (2008)

Wo ist dieser Tag nur geblieben,

und wieso kommt jetzt schon die Nacht?

Ich bin doch erst aufgestanden

und habe noch gar nichts gemacht.

 

Wer hat mir den Tag nur gestohlen,

wo sind all die Stunden hin?

Ich sehe vor mir das Ende

und stand noch grad am Beginn.

 

Wo ist nur mein Leben geblieben?

Die Jahre verflogen im Nu.

Ich bin einmal kraftvoll gewesen

und ersehn mir jetzt ewige Ruh.

 

Wer hat mir das Leben gegeben,

und wer nimmt es mir wieder fort?

Bin wie ein Pilger gewesen

und suchte den heiligen Ort.

 

Jetzt geht meine Reise zu Ende,

meine Hände sind kraftlos und leer.

Ich habe geliebt und gelitten

und keine Erinnerung mehr.

 

Mein Tag ist vorüber gegangen,

ich freue mich schon auf die Nacht.

Ein anderer soll es bewerten,

was ich falsch oder richtig gemacht.

 

Meine Jahre sind so verflossen,

als wären sie Wellen im Meer,

ich möchte nach ihnen greifen,

doch ich finde sie nimmermehr.

 

Mein Leben war hell und war dunkel,

mein Leben war Schatten und Licht,

und wenn etwas übrig geblieben,

dann ist es vielleicht ein Gedicht.

 

6. Es gibt Dichter (2011)

Es gibt manche Dichter, die findest du nicht,

die verstecken sich gern hinter einem Gedicht,

sie sind zu empfindlich für das hektische Treiben

und wollen auf dem Lande und in Deckung bleiben.

 

Es gibt Dichter mit einer zu dünnen Haut,

für die ist der Alltag zu schwer und zu laut,

die brauchen Stille und Ruhe und Frieden,

denn sie sind wie Mimosen und leiden hernieden.

 

Es gibt Dichter, die suchen verzweifelt nach Worten,

sie sind unterwegs zu ihren inneren Orten.

Und sie stehn an der Schwelle und rühren sich nicht

und warten geduldig, bis Gott leise spricht.

 

Es gibt Dichter, die brauchen Blumen und Bäume,

sie suchen verträumte. verwunschene Räume.

Sie können nicht atmen in Menschenmassen

und sind unter vielen verloren und verlassen.

 

Es gibt Dichter, die brauchen einen Engel nah bei,

der ihnen täglich Stärke und Beistand sei,

der sie beschützt auf all ihren Wegen,

dass sie nicht verzweifeln und Hand an sich legen.

 

Es gibt manche Dichter, die sind nirgends zu Haus,

die können nur dichten, und die Welt lacht sie aus.

Sie haben einen Auftrag, und sie halten die Treue,

verzagen - und dichten doch immer auf Neue.

 

7. Hätte ich das Gedicht nicht geschrieben (2011)

Hätte ich das Gedicht nicht geschrieben,

wüsst ich heute nicht mehr, wie es war.

Ich weiß nicht, wie ohne Gedichte

ich mir Glücksmomente bewahr.

 

Was bliebe von schönen Stunden,

was bliebe von flüchtigem Glück?

Ich hol mir mit meinen Gedichten

die glücklichen Stunden zurück.

 

8. Brüder, Schwestern (2012)

Brüder, Schwestern, Dichter, Denker,

Tröster, Freunde, Führer, Lenker:

 

Ihr seid meine Wegbegleiter,

prescht voran wie wilde Reiter,

steckt mich an mit eurer Glut,

weckt in mir den Wagemut,

löst die Fesseln, macht mich frei,

dass auch ich ein Kämpfer sei.

Ach, ihr seid mir beigegeben

auf der Reise durch mein Leben, 

auf der Fahrt durch Nacht und Wind,

bis zu tagen es beginnt,

bis ich spür, es ist vollbracht,

überwunden ist die Nacht,

Angst und Zweifel sind bezwungen,

bin von Lebenskraft durchdrungen,

glaub an mich und an die Welt

und an Gott, der mich erhält.

Ob  ich tot bin oder lebe,

immer ich zum Himmel strebe,

zu der Einheit, zu dem Licht,

zum vollkommenen Gedicht.

 

Brüder, Schwestern, Schwestern, Brüder,

ich leg meinen Stift erst nieder,

wenn ich nicht mehr schreiben kann

und verabschiede mich dann.

 

9. Bedeutende Gedichte (2012)

Es gibt bedeutende Dichter und bedeutende Dichterinnen,

ihre Namen sind bekannt,

ihre Namen muss man sich merken,

sie bekommen Preise, werden eingeladen in Talkshows,

ihre Fotos kommen in die Zeitung.

 

Ich bin keine bedeutende Dichterin,

mein Name ist nicht bekannt,

man muss ihn sich nicht merken,

ich habe keinen Preis gewonnen,

ich werde nicht eingeladen in Talkshows,

mein Foto kommt nicht in die Zeitung.

 

Aber ich schreibe bedeutende Gedichte,

das sind Gedichte, die mir und anderen Menschen etwas bedeuten,

die gelesen und abgeschrieben und weitergereicht werden,

von Mensch zu Mensch, in Briefen und im Internet.

 

Ich schreibe Gedichte, die andere berühren

und zum Nachdenken bringen,

Trostgedichte, vor dem Einschlafen zu lesen. 

 

Meine Gedichte sind bedeutende Gedichte

einer unbedeutenden Dichterin.

 

10. Meine Gedichte (2020)

Ich habe viele Kinder, Gedichte nenn ich sie,

ich habe sie geboren, und das vergess ich nie.

 

Ich habe sie gefüttert, hielt sie auf meinem Schoß,

das waren schöne Zeiten, doch jetzt sind sie ja groß.

 

Sie sind zu mir gekommen: "Lass uns jetzt bitte gehn!

Wir wollen zu den Menschen, sie werden uns verstehn."

 

Ich nähte ihnen Kleider, staffierte sie heraus,

sie kommen nicht mehr wieder zurück zu meinem Haus.

 

"Ich wünsch euch alles Gute und lasst mal von euch hörn!

Vielleicht könnt ihr die Menschen mit eurem Charme betörn."

 

Sie gehn jetzt ferne Wege, ich weiß nicht, wo sie sind.

Ich bleibe ihre Mutter, und jedes bleibt mein Kind.

 

11. Dichter-Fest (2020)

Ich feier ein Fest und ich lad dazu ein,

heut sollen nur Dichter meine Gäste sein.

 

Ich sage es jedem: Komm, bring ein Gedicht

und lies es laut vor und ziere dich nicht.

 

Ich begrüße sie freundlich und lache sie an,

weil ein Fest mit den Dichtern nur schön werden kann.

 

Sie kommen und sitzen im Garten bei mir,

und ich biete Kuchen und Wein und auch Bier.

 

Dann räuspert sich einer und spricht sein Gedicht,

und die anderen lauschen und stören ihn nicht.

 

So vergehen die Stunden wie im Rausch, wie im Nu,

sie lesen und lesen und hören auch zu.

 

Die Alten zuerst und die Jungen danach,

und alle klatschen, wenn einer sprach.

 

Und jedes Gedicht klingt so innig und warm,

ist einzigartig,  voll besonderem Charme.

 

Dann gehen sie wieder, ein jeder für sich,

und ich wünsche Glück und verabschiede mich.

 

Nun ist es schon dunkel, die Sonne versank,

ich hör zwischen Blumen noch lieblichen Klang.

 

Ein Wort, eine Strophe, ein kleines Gedicht.

Die Dichter sind fort, ihr Gedicht ist es nicht.