Ute Latendorf - Dichterin, Schriftstellerin und Fotografin
Ute Latendorf - Dichterin, Schriftstellerin und Fotografin
(c) Ute Latendorf

1. Mit neunundzwanzig

Ich wünsche mir im Alter

einen aufrechten Gang,

einen klaren Blick,

einen aufgeweckten Geist,

eine furchtlose Seele

und

ein liebevolles Herz.

 

2. Ich bin nicht mhr jung

Ich bin nicht mehr jung, ich bin noch nicht alt,

ich bin jetzt in mittleren Jahren,

ich habe das Auf und Ab des Lebens,

hab Hölle und Paradies erfahren.

 

Ich möchte fortgehn und bleiben

und fliegen und langsam gehn,

ich möchte allein schreiten

und doch anderen zur Seite stehn.

 

Ich bin nicht mehr heiß, ich bin noch nicht kalt,

bin vernünftig und lebenserfahren,

ich denk voller Sehnsucht an Freunde von einst

und wie jung und töricht wir waren.

 

Ich möchte weinen und lachen

und traurig und glücklich sein.

Ich wäre gern bei mir selber

und trotzdem niemals allein.

 

Ich bin nicht mehr jung, ich bin noch nicht alt,

ich bin jetzt in mittleren Jahren.

Ich möchte, bevor es ans Sterben geht

noch ganz viel Leben erfahren.

 

3. ach inga

du siehst noch gut aus sagst du mir

du hast dich gut gehalten

die haut wird schlaff sag ich zu dir

und ich hab viele falten

 

um mund und augen eingekerbt

siehst du die jahresringe

ich hab die schwermut wohl geerbt

sie fällt auf alle dinge

 

auf dich und mich und jetzt und dann

sinkt schwer ein dunkler schatten

einst war ich krafvoll frag nicht wann

jetzt siehst du mich ermatten

 

mag sein ich seh noch ganz gut aus

im herbst von meinem leben

doch in mir welkt der blütenstrauß

ich steh erschreckt daneben

 

was ich gewünscht erhofft erträumt

das ist nicht wahr geworden

was ich im lebensspiel versäumt

verklingt mit drei akkorden

 

4. Als wir jung und kräftig waren

Als wir jung und kräftig waren,

wollten wir die Welt erfahren,

Neues sehen und entdecken,

täglich neue Freuden wecken.

 

Kein Ort war zu abgeschieden,

alle lockten uns hernieden.

Immer neue Wege gehen,

bloß nicht still und ängstlich stehen!

Ach, wir wollten uns erproben

und als wagemutig loben.

 

Aber jetzt sind andere Zeiten,

weil wir uns schon vorbereiten

auf den Ausstieg aus dem Leben,

manchmal sieht man uns noch beben

 

voll Verlangen, jung zu sein.

Doch das ist es nicht allein.

Auch wir Alten haben Pläne,

und wenn ichs nicht gern erwähne:

 

Unter unserer alten Haut

schlägt das Herz, wie einst, noch laut.

 

5. Der Jugendgarten

Wir sind durch den Jugendgarten

hindurchgestolpert wie blind

und wundern uns, dass wir jetzt plötzlich

so alt und beschädigt sind.

 

Wo sind all die glücklichen Tage,

wo sind Kraft und Freude hin?

Wir würden so gern wieder jung sein

und umkehrn zum Lebensbeginn.

 

Doch das Leben ist Einbahnstraße,

wir können zurück nicht mehr gehn.

Nun müssen wir das, was gewesen

als Schicksal und Aufgabe sehn.

 

Wir wissen, so geht es ja allen,

wir sind mit dem Schmerz nicht allein.

Die Zeit verwandelt uns Menschen,

wir werden bald andere sein.

 

6. Gespenster

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann,

dann kommen die Gespenster,

sie schlüpfen durch das Schlüsselloch

und fliegen durch die Fenster.

 

Sie kommen dichter allesamt

und grinsen um die Wette,

ich aber liege wie erstarrt

gelähmt in meinem Bette.

 

Sie sind so viele, das ist schlimm,

sie dringen durch die Wände

und wispern, raunen, werden laut

und reiben sich die Hände.

 

Sie sprechen von vergangener Zeit,

ich kann es kaum ertragen,

weil sie mir jedes Missgeschick

und alle Fehler sagen.

 

Sie kneifen und sie stechen mich

und nehmen mir die Luft,

erst wenn ich Licht mach, mich erheb,

dann ist der Spuk verpufft.

 

7. Was ist aus uns geworden?

Was ist aus uns geworden? Wir sind so alt und grau

und sind doch jung gewesen. Ich weiß es noch genau.

 

Wo sind nur all die Jahre, wo Kraft und Schönheit hin?

Wir schaun auf unser Leben und fragen nach dem Sinn.

 

Die Tage werden kürzer, die Nächte lang und kalt.

Wir sind mal jung gewesen, und jetzt sind wir so alt.

 

8. In den Sechzigern

Ich treffe jetzt so viele alte Freunde wieder,

die mit mir jung gewesen sind vor vierzig Jahren.

Wir stehen fremd und doch vertraut uns gegenüber

mit Lebenslinien im Gesicht und angegrauten Haaren.

 

Und wenn wir von den frühen Jahren sprechen,

als alle Wege offen und so vielversprechend vor uns lagen

und unsere Welt uns vorkam wie ein großes Abenteuer,

dann fangen unsere Herzen plötzlich schneller an zu schlagen.

 

Wir hatten Wünsche, Hoffnungen und weitgesteckte Ziele.

Wir wollten groß, erfolgreich und natürlich glücklich werden

und glaubten, alles müsse dem gelingen,

der sich nur tüchtig anstrengt hier auf Erden.

 

Inzwischen hat das Leben uns zurechtgebogen,

und wir sind jetzt ein ganzes Stück gescheiter.

Wir schauen manchmal schon zurück, anstatt nach vorn,

und sind ein bisschen abgekämpft und nicht mehr heiter.

 

Die letzten vierzig Jahre waren Suchen, Finden,

Enttäuschung, Freude, Ankunft und Misslingen.

Wir sind jetzt viel bescheidener geworden,

wenn wir uns fragen, was die nächsten zwanzig Jahren bringen.

 

Ach Freunde, unsere Jahre eilen immer schneller,

wir werden mitgerissen durch den Strom der Zeit.

Die Feuer unserer Jugendjahre sind erloschen,

doch leuchtet tröstlich uns ein Stern aus Gottes Ewigkeit.

 

9. Wir sind noch da

Wir sind noch da, man kann uns sehn,

auch wenn wir schon gebeugter gehn

und faltig sind und grau und weiß.

So alt wie wir wird man durch Fleiß:

 

durch tun und lassen, lieben, hassen,

fortgehn und bleiben, ziellos treiben,

irren, bemühen, trauern, glühen,

lernen, vergessen, Zeit bemessen,

durch hoffen, träumen, Pflicht versäumen

und weinen, lachen, Späße machen...

 

Wir sind noch da, die Welt ist schön,

ach, lasst sie nicht zugrunde gehn!

 

10. Ihr seid jetzt mitten im Leben (Für meine Töchter)

Ihr seid jetzt mitten im Leben,

ihr seid noch zu allem bereit,

aber ich stehe abseits daneben,

passe nicht in die heutige Zeit.

 

Ich werde mich nicht mehr verbiegen,

ich bleib jetzt der Baum, der ich bin.

Ich will nicht mehr kämpfen und siegen,

ich such einen tieferen Sinn.

 

Ihr seid voller Ziele und Pläne,

ich weiß nicht, warum und wozu.

Ihr zeigt noch dem Leben die Zähne,

ich wünsche mir Frieden und Ruh.

 

Ich lebe schon so viele Jahre

und habe schon zuviel gesehn.

Die Zeit zwischen Wiege und Bahre

ist kurz und ist schwierig und schön.

 

Ich gebe den Stab an euch weiter

und wünsche euch Glück und Verstand.

Seid mutig, seid tapfer, seid heiter

und sucht das verheißene Land.

 

11. Vom Älterwerden

Keine Höchstleistungen mehr erbringen,

keine Erfolge mehr benötigen,

keine Gipfel mehr erstürmen,

keine Wunder mehr erwarten,

erste graue Haare zählen,

Altersflecken auf der Haut entdecken,

niemals mehr ohne Beschwerden sein,

Verschleiß aktzeptieren...

 

aber dabei

 

gelassener werden, 

meine Mitte finden,

zur Ruhe kommen,

mich an den Erfolgen anderer freuen,

Menschen zur Seite stehen,

trösten, ermutigen,

mich selbst getragen fühlen,

offen sein für Neues,

berührbar sein

und nahe, ganz nahe

bei Herzen...

 

12. Endlich

Endlich alles lassen können,

nicht mehr jagen, nicht mehr rennen,

 

irgendwo in Ruhe stehen

und sich selbst im Spiegel sehen,

 

sitzen, träumen, sich bescheiden,

aufhörn andere zu beneiden,

 

fern, ganz fern die Pforte ahnen,

nicht mehr fliehen aus den Bahnen,

 

leise werden, Augen schließen,

bis die Ströme wieder fließen,

 

nichts mehr wollen, nichts mehr hoffen,

und die Pforte steht weit offen...

 

13. Jugend will zu Jugend hin

Jugend will zu Jugend hin,

Leben ist ihr Lebenssinn,

sind wie Rosse ohne Reiter,

streben vorwärts, immer weiter,

haben Kraft, sind voller Träume,

wachsen schnell wie junge Bäume.

Jugend will zu Jugend hin,

Aufbruch, Anfang, Neubeginn.

 

Viele, viele Jahre später

wird das Leben zum Verräter,

löst nicht ein, was es versprach,

und so mancher Traum zerbrach.

Noch einmal von vorn beginnen!

Doch die Jahre, sie verrinnen.

Jung sein, wild sein, einfach leben,

Freude haben, lustvoll beben!

Ach, wie fern sind jene Jahre

und wie nahe schon die Bahre!

 

Leben ist ein Vorwärtsschreiten,

will uns biegen, beugen, weiten.

Habt nur Mut, es wird gelingen!

Bringt die Melodie zum Klingen!

 

14. Zusammenhalten

Wir müssen zusammenhalten,

wir jungen und alten Alten.

 

Weil wir nicht mehr lange leben,

müssen wir unser Bestes jetzt geben:

 

malen und singen, komponieren und dichten

und damit das Böse auf der Erde vernichten.

 

Es gibt so viel Schönes täglich zu sehen,

wir dürfen nicht achtlos vorübergehen:

 

Blumen und Kinder und freundliche Leute,

die machen uns Mut, die erfreuen uns heute.

 

Wir haben geliebt, gelacht und gestritten

und unter Ängsten und Sorgen gelitten.

 

Das Schicksal war gnädig, denn wir sind noch da,

sind dankbar für alles, was uns geschah.

 

Wir können noch hoffen und können uns freuen,

so dass wir am Ende keine Stunde bereuen.

 

Wir halten zusamen, wir sind nicht allein.

Wir wollen Gefährten und Freunde jetzt sein!

 

15. Das Älter Werden

Das Älter Werden hat auch seine guten Seiten,

ich muss nicht mehr so viel mit anderen Menscen streiten,

weil viele Dinge mich kaum noch berühren.

Ich kann mein Leben schon ein bisschen abgeklärter führen.

 

Ich  muss nicht mehr nach Lob und Ansehn haschen,

viel lieber lasse ich mich dankbar überraschen

von kleinen Freuden, die die Tage bringen

und die in meinem Herzen lange weiterklingen.

 

Ich seh die eigenen Falten sogar schon gelassen

und fürchte nicht, ich könnte Wichtiges verpassen

an Glück und Lust in diesem Erdenleben.

Ich lerne, mich allmählich selber abzugeben.

 

Das Leben hat mich nach und nach zurechtgebogen,

bin wie ein Spielball auf und ab geflogen,

jedoch: Ich bin noch da und nicht zerbrochen

und fühl mein Herz noch warm und ganz lebendig klopfen.

 

16. All die Vergeblichkeiten

All die Vergeblichkeiten, die vielen Freuden auch,

die haben sich verflüchtigt im All wie Schall und Rauch.

Von Kindheit bis zum Alter ist Leben Müh und Last,

wir eilen immer weiter und machen selten Rast.

 

Am Ende angekommen, bleibt uns noch etwas Zeit,

um noch mal nachzudenken, dann tut uns eines Leid:

dass wir nicht mehr verweilten, nicht unbeschwerter warn.

Der Zug des Lebens, scheint uns, ist jetzt schon abgefahrn.

 

Es gibt so viele Wunder in dieser Welt zu sehn,

doch dafür muss man langsam und aufmerksamer gehn.

Der Baum, der Strauch, die Blume, der Vogel und das Kind,

das sind der Freuden viele, die Grund zum Danken sind.

 

Nicht Geld und Macht und Ehre, nicht Haus und Hof allein,

wir müssen mit der Schöpfung in gutem Einklang sein.

Gib, Herr, mir ein paar Jahre! Jetzt endlich bin ich klug.

Ich werfe ab die Lasten, die ich so lange trug

 

und fange an zu tanzen und singe laut mein Lied,

damit die herbe Trauer aus meinem Herzen flieht.

 

17. Es wird nicht mehr so, wie es war

Es wird nicht mehr so, wie es war,

und es bleibt auch nicht so, wie es ist,

und bis wir von dannen scheiden,

bleibt nur eine ganz kurze Frist.

 

Was vergangen ist, das ist vorüber,

was heute ist, geht schnell vorbei,

was morgen ist, liegt noch im Dunkel,

aber bald sind wir glücklich und frei.

 

Dann werden wir endlich verstehen

und uns und Anderen verzeihn

und mitten im Lichte stehen

und ganz in der Liebe sein.