Ute Latendorf - Dichterin, Schriftstellerin und Fotografin
Ute Latendorf - Dichterin, Schriftstellerin und Fotografin
(c) Ute Latendorf

.1. Der Vogel im Garten

Ein Vogel singt draußen  im Garten,

so laut und so voller Lust,

als hätte er ganz viel Freude

in seiner winzigen Brust.

 

Er singt vor dem Aufgang der Sonne,

und grüßt lobend den neuen Tag,

aber ich liege ängstlich im Kissen,

weil ich nichts mehr zu hoffen wag.

 

Er singt am geöffneten Fenster

in mein Morgen-Grauen hinein.

Ich denk: Wenn sich einer wie er freut,

wie kann ich da hoffnungslos sein?

 

Den Tag vor dem Abend zu loben -

Wo hat er die Zuversicht her?

Wenn ich mich geborgen fühlte,

fiel das Aufstehn mir weniger schwer.

 

Ein Vogel singt draußen im Garten,

ein anderer stimmt fröhlich mit ein.

Ich wünscht, ich könnte so singen

und einer von ihnen sein.

 

2. Meine wichtigste Stunde des Tages

Meine wichtigste Stunde des Tages

ist morgens vor Sonnenaufgang,

da hör ich durchs offene Fenster

den beginnenden Vogelgesang.

 

Zuerst kommt ein ganz leise Tschilpen,

ein Vogel singt, zögernd und bang,

es ist unsere Amsel im Garten,

und ich stelle mein Ohr auf Empfang.

 

Es ist noch ganz dunkel dort draußen,

ich liege schon stundenlang wach,

mich quälen Ängste und Sorgen,

und ich fühle mich mutlos und schwach.

 

Die Stimme der Amsel wird lauter,

sie zwitschert und trällert und singt

ein Lied von Hoffnung und Freude,

das irgendwie ansteckend klingt.

 

Sie jubelt im Mrogengrauen

und lockt sich die Sonne hervor,

ich hör auch die anderen Vögel,

sie singen jetzt alle im Chor.

 

Was wollen die Vögel mir sagen?

Warum singen sie morgens so schön?

Ich liege und lausche dem Singen

und kann jetzt die Botschaft verstehn:

 

In allem Kummer und Leiden

liegt immer ein tieferer Sinn,

und die dunkelste Stunde auf Erden

ist immer des Tages Beginn.

 

Und so, wie es hell wird am Himmel,

so wird es jetzt hell auch in mir,

weil ich im Gesang aller Vögel

so viel Hoffnung und Zuversicht spür.

 

3. Ich war ein Vogel

Ich war ein Vogel, der wollte frei fliegen,

der wollte in den Armen des Windes liegen,

der wünschte sich für die dunkle Nacht

ein Nest, das aus weichen Federn gemacht.

 

Du gabst mir das Nest, doch es musste misslingen,

denn du bautest auf meinen gebrochenen Schwingen.

Du gabst mir dich selbst und du wolltest mich ganz,

so tanzte ich für dich meinen Todestanz.

 

Das Nest war für mich zum Gefängnis geworden,

und ich bin jeden Tag ein bisschen gestorben.

Da grauste mir plötzlich, da floh ich bei Nacht,

da hatte ich endlich das Schwerste vollbracht.

 

Ich flickte in Eile meine Flügelschwingen

und konnte mich vor dir in Sicherheit bringen.

Ich lernte von neuem in die Himmel zu fliegen

und ließ mich vom Wind durch die Lüfte wiegen.

 

Doch die Nacht ist so kalt und ich bin allein,

ich möchte in deiner Nestwärme sein.

So sitze ich oft vor unserem Nest

und bitte dich, dass du mich zu dir lässt.

 

Doch du willst mich nur mit gebrochenen Schwingen,

ich soll sie als Opfer meiner Liebe dir bringen.

So bleibst du einsam und verteidigst dein Nest,

und ich sitze weinend im dunklen Geäst.

 

4. Wenn es keine Vögel gäbe

Wenn es keine Vögel gebe
wär die Welt so stumm und kalt,
weil kein fröhliches Gezwitscher
dann durch meinen Garten schallt.


Wenn es keine Blumen gäbe
und kein helles Sonnenlicht,
möchte ich nicht weiterleben,
denn dann lohnte es sich nicht.


Wenn es keine Kinder gäbe,
Lachen nicht und Fr
öhlich sein,

wär die Welt ein toter Winkel,
unsere Herzen wärn aus Stein.


Gott, ich dank dir für die Wunder
hier im Leben, in der Welt,
Blumen, Vögel, Kinderlachen
ist, was mich lebendig hält.